"Sophie, erzähl doch noch mal die Geschichte vom Sechserturm!"
Na dann ...
Man steht arglos sichernd am Einstieg eines schönen Kletterwegs in der ersten respektablen Sonne des Jahres, plötzlich und überraschend wird man zur Hauptverdächtigen bei einem ach so dreisten Kleiderraub erklärt.
Eigentlich geht es um eine Kopfbedeckung ... und eigentlich ist es auch schon bisschen her, aber nachdem die Geschichte immer wieder nachgefragt wird, hinreichend skurril ist und so regelmäßig für Erheiterung beim Klettern sorgt, halte ich sie hier dann doch mal fest.

Es war einmal ...
Irgendwann Ende Februar 2021 stehen wir in der ersten warmen Sonne des Jahres in Rathen am Wandfuß des Sechserturms. Es ist so sonnig, dass Felix hochmotiviert seine kurze Hose rausgekramt hat. Wir wollen den Südostriss klettern. Uns erwarten 30 Meter Henkel und 15 Meter saugender, luftiger Handriss - die ersten, prächtigen Sandsteinmeter des Jahres 2021.
Am Einstieg liegt ein leerer Seilsack mit ein paar Sandkrümeln drauf. Offenbar hatten andere Kletterer auch die Idee, diesen perfekten und trockenen Tag zu nutzen. Von den Kletterern ist nichts zu sehen, wahrscheinlich sitzen sie bereits auf dem Gipfel und genießen die Aussicht.
Felix behängt sich eifrig mit Schlingen, schlüpft in seine Schuhe und startet in die steile Südkante, die nach ungefähr 15 Metern zum Südostriss abbiegt. Aus den Augenwinkeln sehe ich erst ein und dann das zweite Ende eines Seils an der Abseilstrecke vom Sechserturm durch die Luft fliegen. "Aha", denke ich, "die andere Seilschaft."

Felix hat bereits gut an Höhe gewonnen und auch soeben den Ring vom Südostriss geklippt. Er testet den Seilverlauf und entscheidet sich weiter zu klettern. Seilreibung scheint es nicht zu geben. Mittlerweile hat ein Kletterer der anderen Seilschaft den Boden erreicht und kommt auf mich zu. Er ist vermutlich so um die 60, trägt ziemlich abgewetzte, nicht ganz saubere Kleidung in Dunkelgrau und Schwarz. Den Kopf ziert eine etwas speckige dunkelbraune Mütze aus Leder und Stoff mit so einer Krempe. Dockermützen heißen die wohl.
Ich grüße ihn freundlich mit "Hallo". Er grummelt etwas, was ich nicht verstehen kann, stapft an mir vorbei und schnappt sich den leeren Seilsack. Sofort schimpft er über die Krümel darauf und brummt "hättet ihr mal wegräumen können ..." und "alles voller Sand".
(Bemerkung am Rande: Wir sind im Sandstein! ... und wir sind in Rathen!)
Da ich nicht weiß, was ich darauf sagen soll, schweige ich einfach und beobachte, wie er in seinem Rucksack zu graben beginnt. Nach einer Weile richtet er sich auf, kommt auf mich zu und baut sich vor mir mit düsterem Blick auf.
"Ich will, dass du jetzt sofort eure Rucksäcke ausräumst!" bellt er mich finster an.
Hä? Da ich ihn nur sprach- und ziemlich ratlos anschaue, wiederholt er etwas lauter und falls möglich noch finsterer:
"Rucksäcke ausräumen. Jetzt!"
Ich verstehe überhaupt nicht, was er will und außerdem habe ich einen Vorsteiger, der gerade aus meinem Sichtfeld klettert und erwartet, von mir ordentlich gesichert zu werden.
Also frage ich nur "Hä? Wieso?"
"Meine Mütze ist weg. Ihr müsst sie haben. Also Rucksäcke ausräumen."
Ich starre ihn an und überlege, ob er noch alle Tassen im Schrank hat.
Auf diese Anrede entgegne ich schnippisch: "Die Mütze auf deinem Kopf ist es nicht zufällig" und betrachte angewidert das speckige Docker-Teil.
Er zuckt nicht mal mit der Wimper: "Nein, meine andere Mütze."
Ich überlege, ob Typen wie er ernsthaft eine Zweitmütze herumtragen, falls mit der Erstmütze was passiert?
Nun werde ich auch sauer: "Wir haben deine Mütze nicht, weder geklaut noch eingepackt. Ich sichere hier und habe euer Zeug nicht angefasst. Nicht mal den Seilsack." Die letzte Bemerkung kann ich mir nicht verkneifen.
Er lässt jedoch nicht locker: "Ich kann auch die Polizei rufen. Also räume jetzt die Rucksäcke aus."
Das wird ja immer verrückter. Der hat doch eine Schraube locker! Mir reißt die Hutschnur, denn auf so etwas habe ich echt keinen Bock. Also setze ich meine arroganteste Miene auf und ich pampe nun ernsthaft sauer zurück:
"Pass mal auf du Möchtegern-Sachsenkletterer. Schau dich mal an und schau mich mal an. Fällt dir da was auf?"
Als er schweigt, fahre ich fort: "Ich bin von oben bis unten in saubere, lochfreie und farbenfrohe Markenklamotten gehüllt. Das Beste vom Besten. Glaubst du ernsthaft, ich würde mich an deinen Schmuddelklamotten vergreifen? Ich will mich doch nicht zu Tode ekeln oder mit Hepatitis infizieren. Am Ende sind da noch Haare und Schweiß von dir drin. Vielleicht stehst du ja krankhaft auf sowas. Ich jedenfalls nicht."
Demonstrativ wende ich mich ab und starre die Wand hinauf. Dass auch ich durchaus löchrige, abgewetzte und vor allem dreckige (aber immer bunte!) Klamotten - von Decathlon und Co. - beim Klettern anziehe, verschweige ich natürlich, denn heute trage ich tatsächlich meine frisch erworbene, praktisch noch glänzend neue Kletterhose. Schließlich sind keine Kamine geplant.
Die Unterhaltung ist hier für mich beendet. Soll er die die Polizei rufen, am besten die Reiterstaffel. Da habe ich wenigstens was zu gucken ...
Kurz ist er beeindruckt, dann krächzt er: "Ich habe schon alles erlebt und euch traue ich alles zu."
Während ich noch überlege, wen er mit "euch" meint, kommt sein Seilpartner auf uns zu.
Als er unsere grimmigen Gesichter sieht, fragt er: "Was ist denn hier los?"
Der Speckmützen-Typ zeigt auf mich: "Die haben meine Mütze geklaut."
Sein Seilpartner wirkt ähnlich irritiert wie ich. "Das ist jetzt aber nicht die, die du auf hast?", fragt auch er noch mal vorsichtshalber.
Der Antritt seines Kumpels scheint im Gegensatz zu meinem Vorstoß zu fruchten, denn der Typ zieht die Mütze vom Kopf, schaut drauf und meint einige Sekunden später: "Äh, doch."
Dann dreht er sich wortlos um, stapft zu seinem Rucksack und packte die Sachen zusammen.
Ich überlege, ob ich gerade bei "Verstehen Sie Spaß" gelandet bin und irgendwo ein Kamerateam in den Büschen hockt.
Ein Blick auf den Seilpartner gibt mir Gewissheit, dass dem wohl nicht so ist. Wenigstens ihm ist das ganze peinlich (und er kennt nur den Schluss!).
"Sophie, Stand! Aussichern!" ruft es von oben.
Kurz überlege ich, ob ich die beiden pro forma noch darauf hinweise, dass sie die Finger von unseren Rucksäcken lassen sollen (vielleicht fehlt ja noch ein Schlübber, eine Socke oder das belegte Brötchen von letzter Woche ...) - aber ich will ja eigentlich nicht nachtragend sein. Eigentlich ...
Nach dem ersten Klettermeter jedoch ist die Begegnung schon in weite Ferne gerückt und ich genieße den herrlichen Weg im Rathener Sandstein.
... und wenn Sie nicht gestorben sind
möchte ich die Geschichte mit einem Appell an alle verbinden: Passt auf eure Mützen, Unterwäsche, Schlingen - und vor allem eure Vorsteiger auf :D
